Warum es diesen Blog gibt

Das nächste Familienfest stand an.

Eigentlich nichts Besonderes. Ein paar Stunden zusammensitzen, reden, lachen, funktionieren. So wie immer.

Also setzte ich wieder meine freundliche Maske auf. Die, die interessiert schaut, passende Fragen stellt und lächelt, obwohl innen längst alles zu laut geworden ist.

Und wahrscheinlich hätte niemand gemerkt, wie anstrengend das für mich war.

Nicht unbedingt wegen der Menschen oder wegen des Tages an sich, sondern wegen diesem ständigen Mitdenken: Wie wirke ich gerade? Rede ich zu viel? Zu wenig? War das komisch? Wann kann ich kurz alleine sein? Warum bin ich schon wieder so erschöpft?

Als ich später nach Hause kam, war ich nicht einfach nur müde. Ich war leer. So, als hätte mein Kopf den ganzen Tag unter Strom gestanden.

Und genau solche Momente gab es in meinem Leben viele.

Lange dachte ich, ich sei einfach zu sensibel, zu kompliziert oder irgendwie nicht belastbar genug. Ich dachte, andere schaffen das doch auch, also muss ich mich einfach mehr zusammenreißen.

Mit 44 saß ich dann wieder in einem Praxisraum.

Nicht zum ersten Mal in meinem Leben. Beim ersten Mal war ich jünger, und damals hieß es: Angststörung, Panikattacken, Daueranspannung. Ich habe das angenommen, weil es irgendwie logisch klang. Irgendetwas stimmte ja offensichtlich nicht mit mir, und jetzt hatte es einen Namen.

Also machte ich weiter. Ich hielt die Klappe, funktionierte und versuchte, mir möglichst wenig anmerken zu lassen.

Funktionieren konnte ich gut. Vielleicht zu gut.

Ich habe früh gelernt, mich anzupassen. Nicht, weil mir jemand direkt gesagt hat, dass ich anders sein soll, sondern weil ich gemerkt habe, dass vieles leichter wird, wenn ich mich so verhalte, wie es erwartet wird.

Dass mich Dinge überfordern, die andere kaum wahrnehmen. Dass ich nach sozialen Situationen völlig erschöpft bin. Dass mein Kopf nie wirklich still ist. Dass ich ständig beobachte, scanne und versuche herauszufinden, wie ich gerade sein sollte.

Darüber habe ich lange nicht gesprochen. Wozu auch? Ich dachte ja, ich müsste mich einfach mehr anstrengen.

Und dann fiel in diesem Praxisraum plötzlich ein Wort, mit dem ich nicht gerechnet hatte: ADHS.

Im ersten Moment war das nicht nur Erleichterung. Da war auch Wut. Richtige Wut. Weil ich plötzlich dachte: Wie viele Jahre habe ich damit verbracht, mich falsch zu fühlen? Wie viel Energie habe ich reingesteckt, normal zu wirken? Und warum hat das so lange niemand gesehen?

Auf einmal ergaben so viele Dinge Sinn: die Erschöpfung, das Chaos im Kopf, die Reizüberflutung, die innere Unruhe und dieses Gefühl, irgendwie anders zu sein und gleichzeitig alles dafür zu tun, dass es bloß niemand merkt.

Zusätzlich steht bei mir der Verdacht auf Autismus im Raum. Die finale Diagnostik läuft noch, aber allein diese Möglichkeit hat etwas in mir verändert, weil ich angefangen habe, mein Leben noch einmal anders anzuschauen.

Plötzlich sah vieles nicht mehr aus wie persönliches Versagen. Vielleicht war ich nicht einfach zu empfindlich, zu kompliziert oder nicht belastbar genug. Vielleicht arbeitet mein Nervensystem einfach anders.

Heute weiß ich auch, dass es für dieses ständige Anpassen ein Wort gibt: Masking.

Dieses permanente Mitdenken, Beobachten, Kontrollieren. Dieses Gefühl, immer die passende Version von sich selbst abliefern zu müssen. Und irgendwann merkt man, dass man gar nicht mehr genau weiß, wer man eigentlich ohne all diese Masken ist.

Ich habe vor einigen Jahren mein eigenes Unternehmen gegründet. Und nein, die Angst ist nicht plötzlich weg. Mein Kopf ist oft immer noch laut, Entscheidungen kosten mich Kraft und manche Tage fühlen sich nach viel zu viel an.

Aber ich verstehe mich heute besser. Nicht komplett. Aber besser.

Und vielleicht ist genau das der Anfang.

Dieser Blog entsteht nicht, weil ich perfekte Antworten habe. Sondern weil ich glaube, dass wir ehrlicher darüber sprechen müssen, was späte Diagnosen, Masking, Erschöpfung und jahrelanges Funktionieren mit einem Menschen machen.

Vor allem bei Frauen.

Vielleicht liest das hier jemand, der sich seit Jahren fragt, warum alles so anstrengend ist. Warum andere scheinbar mühelos durch Situationen gehen, nach denen man selbst völlig leer ist. Warum man sich immer wieder falsch fühlt, obwohl man sich doch so sehr bemüht.

Wenn du dich darin wiedererkennst, dann bist du hier nicht allein.

Ich bin Marika. Und das hier ist mein Anfang.

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